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Was meinen Politiker mit Wohlstand und Wachstum ?

Bei allem Fortschritt den jeder gerne in Anspruch nimmt, nutzt und konsumiert, sind dennoch die Beeinträchtigungen des "Homo Faber" als Spezies und an sich selbst wie auch die Zerstörung der Umwelt und Lebensgrundlagen nicht mehr zu übersehen. Selbst Ökonomen mahnen zur Umkehr. Die Ignoranz einer breiten Masse von satten Wohlstandsbürgern lässt eine Umkehr, so

scheint es, erst zu, wenn es zu spät ist. - Lukas Koschnitzke
Die Vorstellung von einer Wirtschaft ohne Wachstum löst bei vielen Menschen und vor allem bei Politikern Ängste aus. Bei den einen ist es die Angst vor staatlicher Überregulierung, bei anderen die Angst vor dem Wegbrechen ganzer Industriezweige. Arbeitnehmer sind bereits bei der Gestaltung der Arbeitsbedingungen bei Arbeitsantritt, dann mit
ihrer Angst vor dem Gespenst der Arbeitslosigkeit erpressbar. Manche Unternehmerinnen
und Unternehmer befürchten Einbußen bei der Rentabilität oder
längere Arbeitszeiten.

Für jeden einsichtig ist, dass es in einer endlichen Welt kein unendliches
Wachstum geben kann. Das gilt auch für das von der Politik als vorbehaltlos
vorausgesetzte Wirtschaftswachstum, das so unantastbar erscheint. Das gilt
auch für die Verbraucher und Konsumenten.

Regierungspolitiker kommen allenthalben mit alten Rezepten und mit den üblichen
Parolen daher. Gefordert und gefördert werden seit Jahrzehnten Maßnahmen,
um Wachstum und Beschäftigung zu erzeugen. Seit Jahren, wenn
nicht Jahrzehnten schon, boomt die deutsche Wirtschaft. Die Kollateralschäden
dieses Wachsens werden geflissentlich übersehen. Deutschland geht es
anscheinend sehr gut, mit erheblichen Handelsbilanzüberschüssen - auf Kosten
anderer europäischer Nationen. Konzerne veröffentlichen jedes Jahr gigantische
Wachstumszahlen, nicht selten folgt die Ankündigung von Massenentlassungen.

Der Wirtschaftsboom in Deutschland ist nur auf Kosten vieler
Opfer im In- und Ausland möglich. Ist dieser Wohlstand in der Bevölkerung
überhaupt jemals angekommen? Jedenfalls nicht in den sozialen Berufen, dort wo sich Menschen um Menschen kümmern. Die Zahl der "Tafeln", wo sich notleidende
Bürgerinnen und Bürger versorgen, hat vor allem in den Ballungszentren
rapide zugenommen. Was einer großen Zahl von Bürgern bleibt, ist eine
diese in Mode gekommene Austeritätspolitik, Lohndumping, wie auch der
Verlust von tariflich abgesicherten Arbeitsverträgen. Unternehmen lassen einen
Teil des Lohnes für die Erwerbsarbeit ihrer sogenannten "Aufstocker" vom
Staat bezahlen. Sie nutzen hierzulande den Standortvorteil für die eigene Gewinnerzielung,
vermeiden jedoch mit hauseigenen Steuervermeidungsabteilungen,
wo es geht, ihre Steuern zu entrichten, indem sie die Gewinne ins Ausland
verlagern. Ganz schön clever dieses Wachstum, aber asozial. Die Politik
schaut dabei zu, denn sie zeigt sich der Wirtschaft gegenüber erpressbar, wenn
das Schlagwort vom Wachstum oder Beschäftigung eingeführt wird.

Eine Debatte um die Frage des Wachstums, die Art des Produzierens und Konsumierens
ist dringend notwendig, weil unsere jetzige Art des Wirtschaftens
immer größere Ungleichheit und Umweltzerstörungen von globalem Ausmaß
zur Folge hat. Dies berührt auch die Frage nach dem "(ge-)rechten" Maß.
Wie können wir auch in der Zukunft Waren produzieren und konsumieren, ohne
unsere natürlichen Lebensgrundlagen zu zerstören, ohne einen Großteil der
Menschheit in Hunger und Elend zu stürzen und die Menschen in den Wohlstandsregionen
mit noch weiterer Beschleunigung nicht noch weiter zu überfordern?

Was können wir unter diesen Voraussetzungen mit Parteiprogrammen,
die auf Wachstum setzen, dabei noch anfangen? Dabei wünschen sich
doch 88 Prozent der Bürger in Deutschland eine andere Wirtschaftsordnung.

Wachstumszwang
Eine kapitalistische Marktwirtschaft muss wachsen, sonst geht sie zugrunde -
Wer nicht wächst, der stirbt – und diese Postulate von der Bundeskanzlerin
Merkel noch weiter zugespitzt: "Ohne Wachstum ist alles nichts". Wachstum
als Selbstzweck!

Vermögen können nur bis zu einer bestimmten Größe in Bezug auf die Wirtschaftsleistung
vermehrt werden. Heute übersteigen weltweit die Vermögen
die Wirtschaftsleistung das Dreifache der Weltwirtschaftsleistung. Das bedeutet,
dass das Kapital in der Realwirtschaft gar nicht mehr investiert werden
kann.

Finanzprodukte (Casino-Kapitalismus, Blasenbildung). Wenn auf diese Weise die
Wirtschaft noch weiter wächst, müsste die komplette Wertschöpfung / Wirtschaftsleistung
aus der Realwirtschaft aufgewendet werden, um den Renditehunger
zu stillen. Für Arbeitseinkommen, d.h. für Leistungseinkommen, bleibt
immer weniger und am Ende nichts mehr übrig.

Die "Boston-Consulting-Group" (BSG), die nur Großkonzerne und Regierungen
berät, fordert für die gesamte Euro-Zone eine Finanzvermögenssteuer auf die
Vermögenssubstanz in Höhe von 34 Prozent. Diese Forderung resultiert aus
der Erkenntnis, dass die Summe aus allen Vermögen und Schulden insgesamt
Null beträgt. Die Schulden können deshalb nicht unendlich wachsen. Wenn
jetzt die Vermögen um ein vielfaches die Schulden übersteigen, ist irgendwas
oder jemand seriell in der Insolvenz: Haushalte, natürliche Personen, Unternehmen
oder die Staaten. Wenn die Schulden nicht unendlich wachsen können,
dann können auch die Vermögen nicht unendlich wachsen. In einer
Volkswirtschaft gibt es rein mathematisch, ganz zu schweigen von ökologischen
und moralischen Argumenten absolute Höchstgrenze für Vermögen und
Schulden. Eine Schuldenbremse bedingt eine Vermögensbremse und eine
Vermögensbremse bedingt eine Schuldenbremse. Wenn man heute mit einer
Schuldenbremse beginnt, gilt man realpolitisch als vernünftig, umgekehrt,
wenn man mit einer Vermögensbremse beginnen möchte, folgt auf dem Fuße
das Etikett des "Kommunisten". Wenn die Bremse nun überhaupt nicht eingebaut
wird, kommt es von der einen oder anderen Seite zu einem Einbruch.

Wenn Vermögen nicht begrenzt werden, wird es zum einem dramatischen
Schuldeneinbruch und einem ebenso dramatischen Vermögensschnitt kommen.
Das möchte die Wirtschaftsreformbewegung "Gemeinwohl-Ökonomie" verhindern
wie auch die "Boston-Consulting-Group". Wieso dann nicht die Vermögen
besteuern, um die Schulden zurückzahlen um einem "Crash" aus dem
Wege zu gehen. Während die BSG das mit einem Schlag machen will, namentlich
mit der 34 Prozent Vermögenssteuerschnitt, möchte die GemeinwohlÖkonomie
einzelne Schritte abgestuft auf den Weg bringen, mit maximal 1-2
Prozent der durchschnittlichen Vermögenssubstanz.

In der Makroökonomie wird schon seit Jahren über die Möglichkeit einer Wirtschaft
ohne Wachstum gestritten. Auf Unternehmensebene ist eine ähnliche
Diskussion bislang jedoch ausgeblieben. Hier nimmt das Wachstum klassischer
betriebswirtschaftlicher Kennzahlen nach wie vor eine zentrale Rolle ein, vor
allem als Indiz für die Wettbewerbsfähigkeit: Jede Umsatzsteigerung wird in
Pressemitteilungen hervorgehoben, jeder Rückgang möglichst verschwiegen –
aus Angst vor fallenden Börsenkursen oder teuren Krediten.

Der Wachstumsdruck ist bei Kapitalgesellschaften am höchsten, vor allem bei
Aktiengesellschaften. Bei Personengesellschaften, also vor allem bei mittelständischen
Familienbetrieben, ist er im Regelfall niedriger, weil es bei den Anteilseignern
im Regelfall eine höhere Identifikation gibt. Bei Genossenschaften,
Stiftungsunternehmen oder Betrieben im sozialen Bereich steht der
Zweck des Unternehmens im Mittelpunkt und nicht so sehr Gewinnerzielung
oder das Wachstum. Bauern sind schon Jahrzehnte, bisher in den meisten Fällen
bis zur Betriebsaufgabe, Wachstumszwängen ausgesetzt, die sie selbst
nicht mehr beeinflussen können.

„Wachstumsneutrale Unternehmen"
Wenn eine Unternehmerin oder Unternehmer über den Jahresabschluss des
eigenen Unternehmens redet, über Eigenkapitalquoten und Gewinnerwartungen,
dann tun sie das vor allem, weil sie vermeintlich "müssen". Das hat sich in
den Köpfen von Politikern und Unternehmern soweit festgesetzt, dass der
Zwang zum Wachsen nicht hinterfragt wird. Doch längst nicht alle Unternehmen
beugen sich diesem vermeintlichen Zwang, denn es gibt Chefs, die entscheiden
sich sogar bewusst dagegen. Sie wollen so etwas wie Umsätze, Gewinne
oder Mitarbeiterzahlen nicht mehr noch weiter aufblähen. Sie halten ein
rein quantitatives Wachstum für schädlich – und suchen sich daher neben der
Gewinnerzielung noch andere Ziele, auch wenn sie die übliche betriebswirtschaftliche
Seite dabei nicht gänzlich ausklammern.

Wissenschaftliche Studien zu diesem Thema sind rar. Im Dezember veröffentlichte
das Berliner Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) eine
Pilotstudie über zehn sogenannte „wachstumsneutrale Unternehmen". Diese
Unternehmen sind so gut, dass sie es sich leisten können, nicht wachsen zu
müssen. Deren Gemeinsamkeit: Für sie steht eine Zunahme „betriebswirtschaftlicher
Kennzahlen wie Umsatz, Gewinn oder Mitarbeiterzahl nicht im
Mittelpunkt". Die untersuchten Unternehmen – von der Druckerei bis zum ITDienstleister
– setzen andere Prioritäten. Manche wollen vor allem die regionale
Wirtschaft stärken und nur hochwertige Produkte anbieten.

Viele ManagementRatgeber erheben Wachstum quasi zum Selbstzweck eines Unternehmens. Doch nicht alle Firmenchefs wollen da mitmachen,

Notwendigkeit von Grenzen
Immer öfter fällt der Begriff von einer "Postwachstumsökonomie" mit der
durchaus ein Umdenken zu erkennen ist, ganz im Sinne von Papst Benedikt
XVI., der uns nahelegte, anzuerkennen, dass die natürliche Umwelt voller
Wunden ist, die durch unser unverantwortliches Verhalten hervorgerufen sind.
Auch die soziale Umwelt hat ihre Verwundungen. Doch sie alle sind letztlich
auf dasselbe Übel zurückzuführen, nämlich auf die Idee, dass es keine unbestreitbaren
Wahrheiten gibt, die unser Leben lenken. Das Faustrecht der noch
herrschenden Art und Weise des Wirtschaftens wird eines in einer von neuemaufgeklärten
Zeit einer düsteren Epoche zugerechnet werden, wie der Manchester-
Kapitalismus ab der Mitte des 18. Jahrhunderts. Man vergisst, dass
„der Mensch [...] nicht nur sich selbst machende Freiheit[ist]. Der Mensch
macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur".

Fazit
Nur "Wohlständler" können zufrieden sein, wenn so-und-soviele andere innerhalb
und außerhalb des eigenen Landes strukturell vom Wohlstand ausgeschlossen
sind, .... aber mit welchem Gewissen? Dort wo immenser Reichtum
anzutreffen ist, wird mit zartfühlender Kunst all das verhüllt, was das Auge der
Bourgeoisie beleidigen könnte. "Ausschluss" bleibt für beide Seite so ein unsichtbares
Phänomen, mit dem man sich auf diese Weise nicht mehr auseinandersetzen
muss. Doch die Menschenwürde "aller" ist und bleibt unantastbar!
Die Zielgruppe, wenn politischen Parteien den Begriff "Wachstum" bemühen,
könnten neben den Profiteuren auch die vom Wohlstand ausgeschlossenen
Bürger sein, die glauben sollen, dass es ihnen mit wirtschaftlichem Wachstum
besser ginge. Wer anders, als die Säulen der Gesellschaft sollen vom Wachstums
profitieren, namentlich große Konzerne? Solange es noch eine "Soziale
Marktwirtschaft" gab, haben am Wachstum nahezu alle partizipiert. Das hat
sich seit Ende der 1970er Jahre zu Lasten der Verbraucher, Konsumenten und
Arbeitnehmer und auch der Umwelt nachhaltig geändert.
Trotz dieser Feststellungen behalten Innovationen und der Fortschritt ihren
angemessenen Platz, jedoch nicht die noch exzessiv gewährten wirtschaftlichen
Freiheiten. Die "unsichtbare", einen freien Markt regulierende Hand" des
Adam SMITH, hat vielleicht damals in jener Lebenszeit eines Adam SMITH
funktioniert. Die Praxis heute zeigt nun, in einer globalisierten Casino-Wirtschaft , mit Unternehmens-Netzwerken, welche die Nationen übergreifen,
dass die "unsichtbare Hand" des Adam SMITH die ihr immer noch zugeschriebene
Funktion nicht erfüllt. Es fehlt nach wie vor an einem wissenschaftlichen
Beweis dieser These von Adam SMITH. Bewiesen ist jedoch, dass eine entfesselte
wirtschaftliche Freiheit sich ihren eigenen Prinzipien entledigen muss.
Unternehmen, die sich dem Wachstum und Gewinnerzielung nicht absolut unterwerfen:
Mittelstand, Familienbetriebe, Genossenschaften, Stiftungsunternehmen,
Sozialbetriebe und kommunale Unternehmen, sollten vom Staat
stärker als Kapitalgesellschaften gefördert werden.

Verbraucher und Konsumenten in einer Postwachstumsökonomie legen ihr
Augenmerk eher auf "Gut leben, statt "Viel haben". Sie überlegen sich, was sie
vom 12. Paar Schuhe, von einem noch größeren Auto, oder von noch anderem
Schnickschnack wirklich haben, was sie wirklich glücklich machen könnte.

26.09.2014,

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/wirtschaft-ohne-wachstum-wer-nicht-waechst-derstirbt-